Wuppertal: City-Arkaden zerstören die City

Vorbemerkung 2013:
Als 1998 in Wuppertal das Shopping-Center „City Arkaden“ von ECE eröffnete, schrieb ich den nachfolgenden Text. Im Nachhinein lässt sich sagen: meine damaligen Vorhersagen, wie sich der Schwerpunkt des Einzelhandels in der Elberfelder Innenstadt ändern würde, trafen grob gesagt leider zu, auch wenn es sich im Detail anders entwickelte. So hat der Handel in der Tat an denjenigen Randbereichen der Innenstadt gelitten, die dem Center entgegengesetzt liegen – in den Ladenlokalen um den im Text erwähnten „Sasse“-Spielwarenladen sind heutzutage keine Einzelhändler mehr, sondern Restaurants und Bars. Den Hertie gibt es ebenfalls nicht mehr, allerdings haben dort neue Händler aufgemacht.  Und der Bereich südwestlich des Walls beginnt genau dort, wo 2013 dann das ehemalige „Koch am Wall“ leersteht. Hier also der Text von 1998.

Die City-Arkaden zerstören die City

Wuppertals Innenstadt rund um die Elberfelder Fußgängerzone ist nicht sehr schön, und der Ein-zelhandel dort funktioniert nicht sehr gut. Beides werde sich zukünftig bessern, meint Oberbürger-meister Kremendahl, denn die Stadt hat entschieden, dass das Shopping-Center-Unternehmen ECE die ‚City-Arkaden‘ bauen darf, zwischen Alter Freiheit und Hofaue, direkt neben dem bestehenden Stadtzentrum. Das Zentrum werde von dem ECE-Center profitieren, heißt es, und angeblich sei die Entscheidung umso glücklicher, da zugleich dem amerikanischen Multi McArthur Glen verboten wurde, auf dem Eskesberg ein Factory-Outlet-Center zu bauen, und somit weitere Konkurrenz außerhalb der Stadtmitte verhindert wurde. Welch Irrglaube, in diesen Entscheidungen einen Gewinn für die Stadt zu sehen! Beelzebub wurde vom Eskesberg verjagt – aber gleichzeitig reitet der Teufel in Elberfelds Mitte ein, und wird sogar mit Fanfaren und Posaunen begrüßt, als vermeintlicher Retter der Innenstadt und des Handels. Nein, nicht verbessern werden die City-Arkaden die City, sondern zerstören – und das gleich in zweifacher Hinsicht.

ECE Wuppertal
Zum einen zerstört das ECE-Center die Wirtschaft des Stadtzentrums, den bisher dort bestehenden Handel. Dieser mag zwar auf den ersten Blick viel stärker gefährdet erscheinen durch Einkaufszentren außerhalb des Zentrums oder ‚auf der grünen Wiese‘, und die dortigen Zentren sind in der Tat eine harte Konkurrenz. Aber bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, daß gerade die innerstädtischen Shopping-Center viel mehr zerstören können: Wenn erst einmal ein großes ECE-Center mitten in der Stadt sitzt, wie zum Beispiel das Allee-Center in Remscheid, dann werden viele Menschen bei ihrem Einkaufsbummel nur in dieses Center gehen, aber nicht in die Handelsstraßen rundherum. Ein Shopping-Center belebt also nicht die Innenstadt, wie die Center-Unternehmen es behaupten, sondern es saugt die Kundenströme aus der Umgebung ab.
Als Folge davon wird der bestehende Handel zerstört, und das wiederum zerstört letztlich auch die städtischen Qualitäten von Elberfelds Mitte; denn der Handel beeinflusst immer das ‚Städtische‘. Dieses Städtische oder Urbane lässt sich viel schwerer beschreiben und definieren als die wirtschaftlichen Veränderungen, und doch wirkt die Zerstörungskraft der Shopping-Center auf beiden Ebenen: Wirtschaftlich gesehen jagt das Center dem beste-henden Handel Kunden ab. Zwar ist im Einzelfall schwer zu berechnen, wie sehr ein neues Center einer bereits bestehenden Handelsgegend schadet, oder gar einem bestimmten Händler. Aber insgesamt ist der Schaden eindeutig nachzuweisen, denn die gesamte Menge an Geld, die die Menschen in einer Stadt ausgeben, ist relativ konstant – ‚der Kuchen wird nicht größer‘, wenn das Center sich das beste Stück herausschneidet. Und ECE wird sich mit den City-Arkaden ein verdammt großes Stück der örtlichen Kaufkraft einverleiben, das ist eine Lehre aus den bisherigen 55 Centern. ECE ist das größte deutsche Center-Unternehmen, und voraussichtlich übersteigen die Umsätze in seinen Centern in diesem Jahr erstmals die Umsätze von Karstadt, dem größten deutschen Warenhauskonzern.
Der wirtschaftliche Siegeszug aller Shopping-Center ist zugleich beeindruckend und beängstigend, genauso wie die Größe der einzelnen Center: 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sollen die City-Arkaden aufweisen, damit lassen sich nach einer Daumenregel des Handels 20.000 Menschen komplett versorgen, etwa alle Einwohner von Wuppertals Stadtteil Vohwinkel. Die City-Arkaden verändern durch ihr Gewicht den Schwerpunkt der ge-samten Elberfelder Innenstadt nach Osten. Shopping-Center liegen häufig am Rande des bestehenden Zentrums, aber sie sind kein Teil davon, sondern wollen es ersetzen. So war es schon beim Shopping-Center Rathaus-Galerie im Norden der Stadtmitte, neben Kaufhof und Hertie, zwei weiteren Kundenmagneten. Insgesamt verlagern sich die Menschen- und Kundenströme in den nord-östlichen Bereich. Die Verlierer sitzen in der südwestlichen Fußgängerzone: die ohnehin schlecht funktionierenden Einkaufspassagen an der Wupper gegenüber der Sparkasse, sowie der gesamte Bereich westlich vom Wall, von der unattraktiven Kaufhalle bis zum ehemaligen Sasse-Haus. Hier werden die Läden noch schneller ihre Besitzer wechseln als bisher, und mehr und mehr Läden werden leerstehen. Im schlimmsten Fall wird auch einer der großen Anbieter Pleite machen: Vor einigen Jahren erwischte es Cramer & Meermann, das nächste und größte Opfer könnte Hertie werden. Und wenn das eintritt, wer soll dann deren großes Haus sinnvoll neu nutzen? Es wird die ganze Gegend lähmen, so wie jeder unattraktive oder gar leerstehende Laden die Gegend negativ beeinflusst.
Noch mag dieses Schreckensszenario unwahrscheinlich wirken, aber man kann nicht ständig neue Gegenden ‚entwickeln‘, und zugleich darauf vertrauen, dass in der bestehenden Stadtmitte alles beim alten bleibt. Die bestehende Innenstadt Elberfelds ist nicht sonderlich attraktiv, und manches muss auf jeden Fall schöner und besser werden. Aber nun ausgerechnet von den City-Arkaden eine städtebauliche Verbesserung zu erhoffen, ist ein Irrglaube: Trotz allen architektonischen Schrecklichkeiten, die Elberfelds Fußgängerzone versammelt, besteht sie zumindest aus offenen Straßen; es ist ein klassisch europäisches Stadtzentrum, mit Stadtplätzen, wo sich an manchen Sommertagen die Menschen versammeln, unter freiem Himmel, offen für alle. Ein Shopping-Center wird diese städtischen Qualitäten nie erreichen. Zwar sind einige neue Center relativ städtisch, wie schon die Rathaus-Galerien, und wie es mehr noch die Clemens-Galerien in Solingen sein werden. Doch trotz des jeweiligen Vorzeige-Cafés, und egal wieviel Glas an die Fassade gesteckt wird und Durchlässigkeit vortäuschen soll, so beruht das Konzept eines Centers immer auf Abgeschlossenheit und Abschließbarkeit. Es ist eine umgrenzte künstliche Welt, die sich nur dort nach außen öffnet, wo die Menschenströme des benachbarten Stadtzentrums optimal abgesaugt werden können.
Die Folge dieses Saugmechanismus ist der wirtschaftliche Niedergang weiter Teile der Innenstadt, und damit einhergehend der städtische Verfall dieser Gegend. Es wurden schon stärkere und scheinbar stabilere Zentren von den Shopping-Centern erobert – in Berlins Osten wird mittlerweile jede vierte Mark in Centern ausgegeben, bald wird es jede dritte sein. Um wieviel zerstörerischer wird das ECE-Center in Wuppertal wirken, wo es auf ein labiles Umfeld trifft, auf eine jetzt schon zu großflächige Stadtmitte, die an vielen Ecken Probleme hat. Die City-Arkaden beleben nicht etwa die Innenstadt, wie es zynischerweise von den Center-Unternehmen behauptet wird – die City-Arkaden beleben nur sich selbst, aber sie zerstören die City. Doch solange die City-Arkaden noch nicht gebaut sind, solange sind sie noch zu verhindern.

Daniel Fuhrhop

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