Solarenergie aufs Dach, Leerstand im Keller

Artikelreihe in der Immobilien Zeitung zur „Stadt im Wandel“ – Text zu Band 2

Titelbild Stadt im Wandel 2 Hofgarten

Die Wohnsiedlung „Hofgarten“ im Berliner Wedding zählt zu fünf beispielhaften Projekten für eine Energiewende, die finanzierbar ist und die der Stadtwandel Verlag in der Publikationsreihe „Stadt im Wandel“ präsentiert. Verleger Daniel Fuhrhop zeigt, mit welchen ökologischen, aber auch sozialen Maßnahmen die degewo den Hofgarten aufwertete.

Betonbauten der 1970er Jahre zu sanieren gehört zu den Standardaufgaben städtischer Wohnungsbaugesellschaften, und auch die Berliner degewo mit ihrem Bestand von 70.000 Wohnungen hat darin reichlich Erfahrung. Und doch ging beim Projekt Hofgarten im Berliner Wedding einiges über das Übliche hinaus. Der Standard, das bedeutete hier erstmal 23.000 Quadratmeter Fassade zu dämmen, ebenso Keller- und Dachgeschossdecken. Auch neue Fenster sind bei solchen Sanierungen eher die Regel, während die Solarthermie auf dem Dach schon ungewöhnlicher ist: Mit 312 Quadratmetern Kollektoren wird soviel Wasser erwärmt, dass ein Viertel der Heizenergie für über 300 Wohnungen gewonnen wird. Insgesamt sparen die Umbauten ein Drittel der benötigten Energie und verhindern jährlich 165 Tonnen CO2-Ausstoß. Außerordentlich ist die Dimension der Sanierung. So investierte die degewo 13,6 Millionen Euro und signalisierte damit den Mietern im gesamten Stadtquartier, dem sogenannten Brunnenviertel: „Wir tun was“. Im Hofgarten standen von 317 Wohnungen vorher 20 leer, mit steigender Tendenz, aber nun ziehen dort auch junge Familien ein, die sonst den Prenzlauer Berg einige hundert Meter östlich bevorzugen. In den Wedding locken relativ günstige Nettokaltmieten, sie liegen in den degewo-Wohnungen im Brunnenviertel bei 5,15 €/qm. Die Mieten im Hofgarten stiegen nach der Sanierung zwar auf 5,67 €/qm, doch sanken die Nebenkosten gleichzeitig um 30c/qm. Der Hofgarten kann sich diese etwas höhere Miete leisten, denn er wurde gleich mehrfach zum Leuchtturm-Projekt. Das zeigt sich an der Sanierung, aber unübersehbar auch an den knalligen Farben, in denen die Fassaden gestrichen wurden, von gelb über orange bis rot. Und im Inneren des Häuserblocks wurde für Bewohner jeden Alters ein Hofgarten angelegt, der dem Projekt seinen Namen gibt, mit Sitzbänken und Spielgeräten. Die degewo kümmert sich auch auf einem unüblichen Weg um das Brunnenviertel: Sie initiierte einen Bildungsverbund, in dem Lehrer von sieben Schulen des Quartiers sich zusammensetzen und die besten Wege diskutieren, um ihrer Schülerschaft zu helfen und um Eltern gleich welcher Herkunft einzubinden. Bildungsverbund, Leuchtturm-Projekt und die anhaltende Attraktivität Berlins, all das trug wohl dazu bei, dass die degewo in ihrem knapp 5.000 Wohnungen umfassenden Bestand im Brunnenviertel heute nur noch 1,2% Leerstand vermeldet.

Erschienen am 28.7.2011 in der Immobilien Zeitung

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