Die Gründerinnen gefördert, die Umwelt geschont

Artikelreihe in der Immobilien Zeitung zur „Stadt im Wandel“ – Text zu Band 4

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Als fünftes und letztes beispielhaftes Projekt für eine finanzierbare Energiewende zeigt der Stadtwandel Verlag in der Publikationsreihe „Stadt im Wandel“ die Weiberwirtschaft Berlin, ein Gründerinnenzentrum im ökologisch sanierten Gewerbehof. Verleger Daniel Fuhrhop stellt es vor.

Hauptsächlich ist die Weiberwirtschaft Deutschlands größtes Zentrum für Existenzgründerin-nen, mit 70 Unternehmerinnen und 200 Arbeitsplätzen auf 5.775 Quadratmeter vermietbarer Fläche, untergebracht in ökologisch sanierten Gewerbehöfen. Eine Nebensache wirft aber ein interessantes Schlaglicht auf die Absurditäten öffentlich geförderten Wohnungsbaus, dem sich die Weiberwirtschaft gezwungenermaßen ebenfalls widmen musste. Doch beginnen wir mit der Hauptsache. Im Prinzip funktioniert ein Gründerinnenzentrum ähnlich wie eines für Gründer, nur dass es sich ausschließlich an Frauen wendet. Die bewerben sich um einen Gewerberaum, denn die Weiberwirtschaft ist zu 100% ausgelastet. Dennoch konnten von 89 Anfragen im Jahr 2009 einige erfüllt werden, denn es gab durch den Erfolg mancher Gründerinnen und deren gewachsenen Platzbedarf drei Auszüge, elfinterne Umzüge und fünf Neueinzüge. Neu genommen werden die Frauen, deren Gründungskonzept überzeugt. Sie zahlen als Nettokaltmiete um die 9 €/qm, aber als Starthilfe werden ihnen in den ersten sechs Monaten 50% erlassen, in den darauf folgenden sechs Monaten noch 25%. Außerdem stehen ihnen Tagungsräume der Weiberwirtschaft zur Verfügung, und vor allem ein Netzwerk von Mentorinnen, also erfahrenen Gründerinnen, die die Neulinge beraten. Die müssen zusätzlich zur Miete Mitglied der Genossenschaft „Weiberwirtschaft“ werden und einen Anteil von mindestens 103 € zeichnen. Die mittlerweile 1.675 Genossenschaftlerinnen waren es auch, die den Bau des Gründerinnenzentrums finanziell ermöglichten: Sie kauften einen hundert Jahre alten Gewerbehof im Bezirk Mitte und sanierten ihn in den 1990er Jahren ökologisch vorbildlich. Bei der Sanierung wurden die Dächer und Wände neu gedämmt. In den Obergeschossen wurden neue Holzfenster eingebaut, die man nicht „auf Kipp“ stellen kann“, um die Nutzer am heiz- und klimatechnisch nachteiligen Dauerlüften zu hindern. Die Höfe wurden entsiegelt und wasserdurchlässig neu gepflastert. Außerdem wurden einige Bäume gepflanzt, und manche Fassaden sowie einige Dächer begrünt. Auf anderen Dächern dagegen entstanden sowohl eine Photovoltaik- als auch eine Solarthermieanlage. Geheizt wird nun mit einem zentralen Blockheizkraftwerk. Unterm Strich sank der Verbrauch an Primärenergie um 50%. Insgesamt investierte die Genossenschaft 14,96 Millionen Euro. Dazu kamen jedoch 3,44 Millionen Euro für den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses, in dem die Weiberwirtschaft 13 Wohnungen im sozial geförderten Wohnungsbau unterbringen musste. Im Jahr 2011 werden diese Wohnungen aus der Förderung fallen, und es drohen Verluste: Die Kostenmiete beträgt satte 13 €/qm, die ortsübliche Vergleichsmiete lediglich 6,90 €/qm. Die Differenz muss die Weiberwirtschaft zahlen und kann entsprechend weniger Existenzgründerinnen fördern. Sollte zukünftig eine der Wohnungen frei werden, so könnte die Genossenschaft zum maximal möglichen Preis neu vermieten, denn angesichts der Mietsteigerungen in Berlin und im schicker werdenden Bezirk Mitte gibt es Potential nach oben. Dadurch könnte die Weiberwirtschaft mehr Gründerinnen fördern, müsste sich aber dem Vorwurf aussetzen, zur „Gentrifizierung“ des Stadtteils beizutragen – ein Dilemma, an dem die absurden Kosten des sozialen Wohnungsbaus in Berlin schuld sind.

Erschienen am 11.8.2011 in der Immobilien Zeitung

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