„Verbietet das Bauen“ in Darmstadt

Darmstadt Reiserechnungen

Dem geistigen Ertrag der Reise nach Darmstadt (zu lesen auf „Verbietet das Bauen“) stehen wirtschaftliche Ausgaben gegenüber: 130 Euro netto für die als Pressevertreter ermäßigte Kongressgebühr, 108,11 Euro für zwei Übernachtungen, macht 248,11 Euro netto.

Ausgerechnet am Tag nach dem Aufstieg des SV Darmstadt 98 in die zweite Liga reiste ich dort an, gerade rechtzeitig also zur Party in der ganzen Stadtmitte. Auf dem idyllischen Marktplatz tummelten sich hunderte oder tausende Darmstädter in blauen Aufstiegsshirts, und zuweilen stimmten die in einem der Cafés in der warmen Abendsonne sitzenden Fans einen Gesang an, der sich dann von Café zu Café über den gesamten Platz ausbreitete. So soll eine lebendige Stadtmitte sich anfühlen.

Eine Viertelstunde mit der Tram führte zum Hotel im Stadtteil Arheilgen und am kommenden Morgen wieder zurück, zum db-Suffizienzkongress. Einige dort gehörte Beispiele vom „Weniger“, von weniger bauen und weniger Flächenverbrauch, mündeten in einen Beitrag auf dem Bauverbot-Blog.

In der Mittagspause dann, untermalt von klapperndem Geschirr, ein Gespräch mit Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut für die Reihe „Wahrheit beginnt zu zweit“ über die Unabhängigkeit der Forschung und den nötigen Wandel der Wissenschaft hin zum Postwachstum. Es wird erst in einigen Wochen auf dem Blog zu hören sein, denn zufällig häuften sich die Hör-Beiträge, nacheinander folgen demnächst Gespräche mit folgenden Personen: Christina Kleinheins (Leiterin des Stadtplanungsamtes Bottrop), Bernd Tischler (Oberbürgermeister Bottrop), Andreas Feldtkeller (Stadtplaner aus Tübingen und federführend beim Französischen Viertel) und nun also Uwe Schneidewind.

Es gibt ja nicht nur Hörbeiträge – knapp vor meiner Abreise nach Darmstadt kam eine Anfrage für einen Text für den Blog Postwachstum über den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld. Postwachstum, das war auch der richtige Begriff zur Einstimmung auf den db-Suffizienzkongress. Erfreulich war es zu erleben, wieviele Personen hier ganz ähnlich denken. Und erfreulich auch, einige „Fans“ das Blogs „Verbietet das Bauen“ kennenzulernen (und natürlich neue Kontakte zu knüpfen und für den Blog und sein Anliegen zu werben).

Auf die mir am Rande des Kongresses gestellte Frage, warum ich das eigentlich mache, herumzufahren zu Tagungen und den Blog zu betreiben, hier auch schriftlich eine Antwort:

Darmstadt Marktplatz

Der Marktplatz in Darmstadt mit Cafés und dem Standesamt.

Im Moment kann ich es mir noch leisten, dank der bis Jahresende laufenden Beratung meines ehemaligen Verlags und dank dessen Verkauf. Diese Trennung von meinem Unternehmen und dessen Erlös habe ich im vorigen Herbst zum Anlass genommen, meinem Herzen zu folgen und endlich nicht mehr für Neubau zu werben, was als Architekturverleger quasi zwangsläufig geschah, sondern ihn zu kritisieren. Es macht mir große Freude, völlig frei und unabhängig die Bauwut zu kritisieren, Argumente in Texten und Filmen aufzubereiten und mit vielen Fachleuten zu diskutieren, von Architektur über Immobilien bis Stadtplanung, aus Theorie und Praxis, Naturschutz und Klimaschutz. Es ist mein Ziel, der Wahrheit näherzukommen, wie es die Gesprächsreihe hoffen lässt, also mehr darüber herauszufinden, wie wir den nötigen radikalen Wandel von Bauen und Wohnen schaffen können.

Freilich bringt das den Nachteil des wirtschaftlichen Risikos mit sich – ohne Verlag und Unternehmen, ohne Hochschule oder andere Institution muss sich zeigen, wie mit Blick auf 2015 Honorare für Texte, Beratung und Vorträge fließen. In diesem Zusammenhang denke ich, dass ein Blog als neues Medium einen bescheidenen Beitrag zu einem Mix an Erträgen liefern könnte. Wenn ich anhand der Klickzahlen sehe oder nun höre, wieviele Menschen mit großem Interesse den Texten, Hörstücken und Filmen von „Verbietet das Bauen“ folgen, dann erlaubt mir das die mutige Annahme, dass diese Lektüre und dieses Engagement dem einen oder anderen etwas wert sind. Ähnlich wie die Krautreporter rufe ich also – vorerst unstrukturiert, also ohne crowdfunding-Aktion – dazu auf, den Blog gegen die Bauwut zu unterstützen. Vielleicht mit einer einmaligen Förderung, vielleicht aber auch wie beim Krautreporter-Modell mit einer Art Förderabo (dort sind es 5 Euro monatlich, also 60 Euro für ein Jahr), also einer Flattr-Subsciption oder einer Dauerüberweisung. Ja, es ist ein ungewohnter Gedanke für uns alle, die wir den Wandel der Medienlandschaft erleben, nicht einfach umsonst Inhalte online zu nutzen, aber es ist auch aufregend, neue Modelle für kritische Stimmen auszuprobieren. Also: Auf diesen Wegen jetzt loslegen.

Theater Darmstadt

Das Staatstheater Darmstadt, ein Bau von 1972, wurde 2006 saniert und mit einem neuen Foyer ergänzt durch die Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei.

 

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