Wie alles anfing: Verbietet das Bauen 1995

Als ich im Jahr 1995 “Verbietet das Bauen” im Magazin Skyline schrieb, war das als Polemik gedacht. Doch ein ernsthafter Kern steckte schon damals darin – lesen Sie den Originaltext.

Skyline Titel

Verbietet das Bauen!
Bislang ist uns das Bauen so selbstverständlich wie Atmen und Trinken. Doch um zu überleben, müssen wir mit dem Bauen erst einmal aufhören.

Drei Dinge muss ein Mann in seinem Leben leisten, so sagt der Volksmund: ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen. Das Bauen als Grundbedürfnis – so natürlich wie Atmen und Trinken? Ein verhängnisvoller Irrglaube. Bauen ist so natürlich wie Autofahren. Es bedroht die Natur, verbraucht Rohstoffe, Fläche und Energie. Um die Bauwut zu stoppen, hilft nur eins: Verbietet das Bauen!
Das klingt absurd und fordert Widerspruch heraus: „Wir brauchen doch Wohnungen, Büros und Geschäfte!“ Schon recht. Aber braucht wirklich jeder eine Bastelstube, ein Fernsehzimmer, einen Fitnessraum? Wie notwendig sind denn ein Bürobau mit Kaffeestube, Archiv und repräsentativem Foyer? Solche Wünsche rechtfertigen es noch lange nicht, neu zu bauen.
Es gibt bereits zu viele Gebäude. Seit Jahrhunderten bauen vom Häusle-Trieb besessene Bauherren, von ewigem Ruhm träumende Architekten und geldgeile Spekulanten. Gebäude überwuchern unsere Erde wie eine steinerne Geschwulst. Dennoch wird die Baukrankheit sogar mit Steuern gefördert und von Politikern gefeiert, als sei Bauen das Fundament der nationalen Existenz.
Aber Deutschland hat bereits genug Raum: leerstehende Büros, brachliegende Industriebauten und verschwenderisch genutzte Gebäude. Eine Wahnvorstellung sind immer größere Räume in immer mehr Häusern in unendlich wachsenden Städten. Der Boden, auf dem sie stehen sollen, ist nicht vermehrbar. Darum müssen wir die stehenden Gebäude weiter, neu und besser nutzen, den Neubau aber verbieten. Droht unserer Wirtschaft dadurch der Kollaps? Werden Massen in Elend und Arbeitslosigkeit entlassen?
Im Gegenteil! Gerade die Modernisierung von Altbauten schafft Arbeitsplätze, denn sie erfordert vor allem viel Arbeit, während das Material, die Bausubstanz bereits vorhanden ist. Jeder Neubau verbraucht dagegen wertvolle Rohstoffe. Ein Drittel der in Deutschland verbrauchten Energie geht ins Bauen und Wohnen! Das reicht vom Transport der Baustoffe bis zum Häuserheizen. Das meiste Kohlendioxid, mit dem wir Menschen Atmosphäre und Klima belasten, stammt aus den Schornsteinen unserer Häuser. Wir heizen uns ins Treibhaus. Es droht die Klimakatastrophe, bei der das Meer Küstenstädte wie Amsterdam überspült und Millionen Menschen sterben. Die Zeitbombe tickt: Es wurde schon soviel Kohlendioxid freigesetzt, dass die Temperatur noch Jahrzehnte steigen wird, selbst wenn alle Schlote ab sofort kalt blieben.
Höchste Zeit, das Bauen zu verbieten. Eigennützig und rückschrittlich handelt, wer jetzt ein Häuschen im Grünen baut; verantwortungslos, wer seine Firma erweitert, damit alle mehr Platz haben. Einst wird es unseren Kindern vorkommen wie die Nachricht aus einer untergegangenen Welt, dass 1996 Immobilienfirmen Neubau-Fonds auflegen und Zeitschriften wie SKYLINE darüber berichten. Ein Trost bleibt: Wenn in einigen Jahrhunderten die Energie aus erneuerbaren und für das Klima unschädlichen Quellen wie Sonne und Wind gewonnen wird, dann kann das Bauen wieder erlaubt werden: natürlich auf kleiner Fläche und mit nachwachsenden Baustoffen wie Holz. Von dem alten Sprichwort bleibt in der Dienstleistungsgesellschaft einzig gültig: Zeugt Kinder und pflanzt Bäume!

Erschienen in Ausgabe VI, 2/1996 in Skyline, Magazin für Architektur, Immobilien und Städtebau

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